Ratskeller

Nach der Erstellung des Klimaschutzkonzeptes wurde der Ratskeller im Jahr 2011 energetisch saniert. Aufgrund der teilweisen Änderung der Nutzung ist die CO2-Einsparung nur schwierig zu beziffern.

Bauherr: Gemeinde Veitshöchheim mit P. Wolf
Planung: Architekturbüro Haase mit H. Keß, J. Spieß
Umsetzung: Architekturbüro K. Holger Keß mit H. Keß
Fotos:Gerhard Hagen, Bamberg
Text: J. Horschig für die Sto AG

Ratskeller Veitshöchheim

Nach wechselvoller Geschichte und aufwändiger Sanierung beherbergt das ehemalige Küchengebäude heute einen Gastraum im Erdgeschoss und zwei Veranstaltungssäle im Obergeschoss.

 

In den Schlitzen verlaufen die Kupferrohre für die Wandheizung.

 

Im Gastraum im Erdgeschoss: Die Innendämmung ist Bestandteil des Heizungskonzepts und rahmt die Ansatzpunkte des ursprünglichen Gewölbes ein.

 

In den Gasträumen, wie hier im Balthasar-Neumann-Saal im Obergeschoss, unterstützt die in die Innendämmung integrierte Wandheizung das Verdunsten des Tauwassers.

Historische Baukunst mit Innendämmung wirkungsvoll in Szene gesetzt

Speisen und Tagen in historischem Ambiente sind die Kennzeichen des Ratskellers Veitshöchheim. Das denkmalgeschützte Bauwerk beeindruckt nach umfangreicher Sanierung durch eine stilvolle Architektur. Weil die Fassade nicht verändert werden durfte, kam eine moderne Innendämmung zum Einsatz. Die Besonderheit: Das System ist in das Heizungskonzept und in die innenarchitektonische Gestaltung integriert.

Veitshöchheim liegt etwa sieben Kilometer nordwestlich von Würzburg. Im Zentrum der unterfränkischen Gemeinde liegt der Ratskeller, ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude, das auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurückblicken kann. Ursprünglich diente es als Küche für die benachbarte Sommerresidenz der Würzburger Fürstbischöfe. 1753 erweiterte Barockbaumeister Balthasar Neumann das Schloss und baute in diesem Zusammenhang auch den Küchentrakt um. Nach dem 1. Weltkrieg fiel die Schlossanlage an den Freistaat Bayern, der das Küchengebäude als Labor- und Verwaltungsbau nutzte.

In den 1970-er Jahren übernahm die Gemeinde Veitshöchheim das Bauwerk und ließ einen Teil zur Gaststätte „Ratskeller“ mit Hotelbetrieb umbauen. Im Erdgeschoss wurden der Gastraum und die dazu gehörenden Nebenräume untergebracht, im 1. Ober- und Dachgeschoss die acht Hotelzimmer. Im Januar 2010 musste die Gaststätte ihre Türen schließen, weil ein Wasserschaden das Gebäude schwer beschädigt hatte. Eine Zeitlang war seine Zukunft ungewiss. Doch aufgrund der Nähe zum Schloss mit dem traumhaft schönen Rokokogarten entschied sich der Veitshöchheimer Gemeinderat, den Ratskeller umfangreich sanieren zu lassen und auch künftig als Restaurant zu nutzen, allerdings ohne Hotelbetrieb. Realisiert wurde eine Eventgastronomie mit  einer Erweiterung des Gastraumes im Erdgeschoss und einem großen sowie einem kleinen Saal für Veranstaltungen im Obergeschoss. Das Dachgeschoss steht aus brandschutz- und baurechtlichen Gründen nicht mehr für die Gastronomienutzung zur Verfügung und beherbergt heute Personalräume und ein Büro.

„Die größte Herausforderung“, so Architekt Holger Keß, „bestand in der energetischen Ertüchtigung, denn an der Außenfassade des denkmalgeschützten Gebäudes durfte nichts verändert werden.“ Das bedeutete: Notwendige Dämmmaßnahmen mussten innen erfolgen. Die Innendämmung von Außenwänden stellt hohe Anforderungen an Planer und Ausführende, denn hierbei sind einige bauphysikalische Aspekte zu berücksichtigen. Hintergrund ist der so genannte Taupunkt, der Punkt, an dem die Luft in der Wand keine Feuchtigkeit mehr aufnehmen kann und Tauwasser anfällt. Dieser Punkt hängt mit dem Temperaturabfall in der Wand zusammen und liegt bei ungedämmten und außen gedämmten Wänden vor der tragenden Wand. Bei Innenwanddämmungen jedoch liegt er in der Wand. Mögliche Folge: es kann Tauwasser in der Wand anfallen und sie schädigen.

Bauphysikalische Betrachtungen belegen zwar, dass nach dem Glaser-Verfahren berechnete Dampfsperren die Menge des Wasserdampfes reduzieren und damit den Anfall von Tauwasser verhindern. In der Praxis jedoch sieht es häufig so aus, dass sich aufgrund beschädigter oder unsauber verlegter Dampfsperren hinter der Dämmung Feuchtigkeit sammelt und Bauschäden die Folge sind.

Der Anfall von Tauwasser lässt sich bei Innendämmungen wegen des Temperaturabfalls in der Wand nicht vermeiden. Damit Wand und Dämmung dennoch trocken bleiben, muss die Feuchtigkeit über den kapillaren Wassertransport aus der Wand heraus geleitet werden, und zwar dorthin, wo sie verdunsten kann. Auf diesem Prinzip basiert StoTherm In Comfort. Kern dieses Dämmsystems ist die Sto-Perlite-Innendämmplatte. Sie besteht aus dem vulkanischen Glasgestein Perlit, das zum einen über beste wärme- und schalldämmende Eigenschaften verfügt und sich zum anderen ideal für die Feuchteverteilung eignet. Die Dämmplatten sind diffusionsoffen und nicht brennbar und sie haben einen positiven Einfluss auf das Raumklima, weil sie Feuchtespitzen abpuffern. Fällt in der innen gedämmten Wand Tauwasser an, nehmen die Platten es auf und transportieren es in Richtung Innenraum, wo es abtrocknet. Damit kann die bei vielen anderen Innendämmungen erforderliche Dampfsperre entfallen. „Wir haben den Ratskeller Veitshöchheim mit diesem System nicht nur gedämmt, sondern aus der Not eine Tugend gemacht“, erklärt Holger Keß. Die Innendämmung, die den U-Wert der Außenwände von 1,9 auf 0,4 W/m²K reduziert hat, ist außerdem Bestandteil des Heizungskonzepts und setzt die historische Architektur ansprechend in Szene.

Die Basis der Sanierung bildeten die Funde, die bei den umfangreichen Abbrucharbeiten zu Tage traten. Nahezu im gesamten Haus wurden die neuzeitlichen Veränderungen zurückgebaut, diverse Wände und Einbauten abgebrochen und im Dachgeschoss die Verkleidung der Zwischendecke abgerissen. Im Ratskeller, dem Gastraum im Erdgeschoss, stellte sich heraus, dass es sich bei dem vermeintlich historischen Gewölbe um eine Betondecke mit einer abgehängten, gewölbten Rabitzkonstruktion handelte, die 1974 eingebaut worden war. Die Rabitzdecke hatte unter dem Wasserschaden gelitten und musste wegen mangelnder Standsicherheit komplett entfernt werden. Glücklicherweise, denn ihr Abbruch gab den Blick frei auf die Kämpfer, die Ansatzpunkte des ursprünglichen Gewölbes, das bei den Umbauten in 1970-er Jahren abgeschlagen worden war.

Im Dachgeschoss entdeckte man die von Barockbaumeister Balthasar Neumann entworfene Holzbalkendecke. Um sie gebührend zur Geltung zu bringen, beschlossen Bauherr und Planer, die Decke im Bereich des Großen Saales zu öffnen. Sie schufen damit einen Luftraum, der den Veranstaltungssaal nach oben optisch vergrößert, ihm eine eindrucksvolle Atmosphäre verleiht und ihn durch die erhaltenen Dachgauben stimmungsvoll beleuchtet.

Die Außenwände des Ratskellers bestehen aus bis zu 80 Zentimeter dickem Bruchsteinmauerwerk. Um für die Innendämmung eine ebene Wandoberfläche zu erhalten, wurden nicht mehr notwendige Durchbrüche und die Fensternischen im unteren Bereich mit Hochlochziegeln ausgemauert. Anschließend erfolgte die Verlegung der Kabel für Telefon, Netzwerk und Strom sowie die Montage der Verteiler- und Steckdosen. Danach wurde die zum Innendämmsystem gehörende Klebe- und Armierungsmasse StoLevell In Mineral vollflächig auf die Wand und auf die Dämmplatten aufgetragen, um die zehn Zentimeter starken Innendämmplatten vollflächig auf dem Untergrund zu fixieren.

„Heizkörper hätten die Gestaltung gestört und wären zudem auch bei der Einrichtung hinderlich gewesen“, berichtet H. Keß. „So verfolgten wir die Idee, die Wände in den Gastbereichen als Heizflächen zu nutzen.“ Die warmen Oberflächen unterstützen das Verdunsten des Tauwassers und sie geben Strahlungswärme ab, die der Mensch als wohltuender empfindet als die sonst übliche Konvektionswärme von Heizkörpern.

Die Umsetzung der Wandflächentemperierung erfolgte, indem in einem vorher festgelegten Raster raumseitig um die Fenster statt der zehn Zentimeter starken Perliteplatten nur fünf Zentimeter starke Dämmplatten verlegt wurden. Dadurch entstanden Schlitze, in denen die Kupferrohre für die Beheizung verlaufen – waagerecht über den Fenstern der Zulauf, rechts und links der Fenster jeweils zwei senkrechte Heizungsrohre und horizontal über der Fußleiste der Rücklauf. Die Rohre sind so miteinander verbunden, dass jeder Raum über einen eigenen Kreislauf mit separater Temperaturregelung verfügt.

Um eine ebene Wandoberfläche zu erhalten, wurden die Schlitze nach Montage und Dichtungskeitsprüfung der Kupferrohre mit einer zum System gehörenden Füllmasse (StoCell LD) verfüllt. Anschließend erfolgten die Grundierung, ein erneuter Auftrag der Klebe- und Armierungsmasse und das Einbetten des Armierungsgewebes. Den oberen Abschluss bildet eine diffusionsoffene, mineralische Schlussbeschichtung.

Von den Dämmmaßnahmen ausgenommen wurden die Oberflächen der frei gelegten Kämpfer im Gastraum. Ihr historisches Bruchsteinmauerwerk blieb auf der Raumseite sichtbar und wird von der Innendämmung wie dreidimensionale Kunstwerke wirkungsvoll in Szene gesetzt.

Die in die Dämmung integrierte Wandheizung wird über einen Gaskessel versorgt und erfüllt mehrere Aufgaben. Sie unterstützt die Verdunstung des Wassers, das in der Wand anfällt und durch die Kapillarwirkung zum Innenraum transportiert wird. Gleichzeitig stellt die Heizung eine ständige Grundtemperierung von ca. 16°C bis 18°C sicher. Zusätzliche Heizkörper sind nicht notwendig, weil Gäste und Beleuchtung als Wärmequelle fungieren und dieser Wärmeüberschuss durch eine Lüftungsanlage zurückgewonnen wird.

Die vorhandenen Sprossenfenster, die im Erdgeschoss teilweise mit Bleiverglasungen versehen sind, blieben erhalten. Um Kältebrücken zu vermeiden und eine durchgehende Dämmebene zu schaffen, sind die 50 bis 60 Zentimeter tiefen Fensterlaibungen raumseitig mit isolierverglasten Fenstern geschlossen. Es gibt einige zweiflügelige Innenfenster, um bei Bedarf natürliche Belüftung zu ermöglichen. Die Mehrzahl wurde jedoch einflügelig mit Steckgriffen ausgeführt. Sie verleihen den Fensterlaibungen das Aussehen von Schaufenstern und bieten dem Restaurantbetreiber Raum für stimmungsvolle Dekorationen.

1,7 Millionen Euro hat die Gemeinde Veitshöchheim in die Sanierung des Ratskellers investiert. Rund 60 Prozent der Summe entfallen auf die energetische Sanierung, den Denkmalschutz und den Erhalt der Bausubstanz. Das Restaurant verfügt jetzt über eine Bruttogrundfläche von 922 Quadratmetern und eine Nutzfläche von 647 Quadratmetern. Im Gastraum stehen etwa 120 Plätze zur Verfügung. In den Sommermonaten kommt im Innenhof eine Fläche mit circa 80 Sitzplätzen hinzu. Seit der Eröffnung im Dezember 2011 erfreuen sich Restaurant und die beiden Veranstaltungsräume im Obergeschoss steigender Beliebtheit. Dies gilt insbesondere für den großen Saal, den „Balthasar-Neumann-Saal“, der aufgrund seiner festlichen Atmosphäre gern für Hochzeitsfeiern gebucht wird.